Barock, christlich (ev.), Deutsch, Deutschland, Grabinschriften, Thüringen
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Grabmal der Familie Johannes Daniel Falk (1826)

Erbbegräbnis der Familie Johannes Daniel Falk, Historischer Friedhof Weimar

Erbbegräbnis der Familie Johannes Daniel Falk

UNTER DIESEN GRUENEN LINDEN
IST DURCH CHRISTUS FREI VON SUENDEN,
HERR IOHANNES FALK ZU FINDEN.
KINDER DIE AUS DEUTSCHEN STAEDTEN
DIESEN STILLEN ORT BETRETEN,
SOLLEN FLEISSIG FUER IHN BETEN:
EW’GER VATER DIR BEFEHLE
ICH DES VATERS ARME SEELE
HIER IN DUNKLER GRABESHOEHLE!
WEIL ER KINDER ANGENOMMEN,
LASS IHN EINST ZU ALLEN FROMMEN
ALS DEIN KIND AUCH ZU DIR KOMMEN.
GEB. DEN 28TEN OCT. 1768.
GEST. DEN 14TEN FEB. 1826.

Weimar, Historischer Friedhof
Grabmal für Johannes Daniel Falk und Familie (zuerst 1826)

Kommentar

Diese Inschrift auf dem Grabmal für Johannes Daniel Falk und seine Familie, ein Erbbegräbnis auf dem Historischen Friedhof in Weimar, würdigt den leider in zu große Vergessenheit geratenen Pädagogen und Schriftsteller, der sich nicht nur (wie der Friedhofsbesucher erfährt) um verwaiste und verwahrloste Kinder verdient gemacht hat, sondern auch ein durchaus unangepasster Autor war. Sein einziges Werk, das bis heute breiteren Kreisen bekannt ist, ist das Weihnachtslied „O du fröhliche“, und es lässt ihn in einem durchaus zu braven Licht erscheinen.

Der von J. D. Falk selbst verfasste Text seiner Grabinschrift ist nicht nur besonders anrührend, sondern auch als ein verspätetes Beispiel typisch barocker Epigraphik bemerkenswert: Der durchdachte Bezug seines Lebenswerks auf die christliche Heilsbotschaft, verschlungen mit der Anrede des Betrachters sind lehrhafte Elemente, für die sich allein in unserer Sammlung viele Beispiele finden.

Ob aus deutschen Städten oder von anderswo: Wer den Historischen Friedhof zu Weimar in nächster Zeit mit seinen Kindern besucht, möge der Aufforderung folgen. Warum, ist auf der Website des Johannes Falk Vereins e. V. zu erfahren.

Weiterführende Links:

Der Historische Friedhof um die Fürstengruft ist Teil unserer Akustischen Topographie …

Rezension einer neuen Broschüre zum Historischen und Neuen Friedhof in Weimar.

2 Kommentare

  1. Bernd Mende sagt

    Die Grabinschrift für Johannes Falk ist gewiss auch in der in Stein gehauenen Form ein einzigartiges Denkmal. Wir dürfen jedoch annehmen, dass sie – in bemerkenswerten Details – nicht ganz Falks Absicht entsprechen dürfte. Falk notierte am 3. Oktober 1819 in Frankfurt am Main in sein Geheimes Tagebuch: „Meine Grabinschrift unter drei Linden, wo ich ruhen will, die ich mir auf einem Ritt in die Rheingegenden im Herbst 1819 gemacht: Unter diesen grünen Linden/ ist durch Christus frei von Sünden […]“. Die zweite Zeile ersetzte eine vorherige Fassung „abgelegt des Leibes Sünden“. Und eine zusätzliche (zweite) Strophe wurde später fortgelassen: „An der Ostsee fernem Strande/ ließ er Eltern und Verwandte,/ da ihn Gott zur Ilme sandte.“ Da klangen im Reim bereits zwei Jahrzehnte in Thüringen an, wo es mit der Aussprache des „d“ und „t“ nicht so genau genommen wurde. Spürbar ist auch, dass der Rhythmus der Verse im Ritt entstanden ist. Dann aber heißt die vierte Zeile „Kinder, die aus Sachsen-Städten“. Fern von zu Haus dachte Falk zum einen an seine Herkunft (als „Johannes von der Ostsee“), und er dachte an das Land, das ihm – bei aller Misere – seit 1797 Heimat war, das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Zeile 6 hieß „sollen also für ihn beten“, Zeile 11: „laß ihn einst zu allen Frommen“.
    Auf dem Sterbebett, am 11. Februar 1826, diktierte Falk sein Testament, dabei – aus dem Gedächtnis – auch die Grabschrift. Nun hatte Falk – von seiner Frau aufopfernd unterstützt – sein selbstloses soziales Werk getan und – entgegen dem Willen der Obrigkeit – auch Waisen aus dem „Ausland“ aufgenommen. Für die vierte Zeile wollte Falk nun: „Kinder, die aus fremden Städten“. Das Elend kennt keine politischen Grenzen. Dann heißt es auch: „sollen fleißig für ihn beten“ und „laß ihn Herr zu allen Frommen“ – ein Stoßseufzer im Angesicht des Todes.
    Für die ausgeführte Inschrift wurde dann wohl auch das Tagebuch eingesehen – so heißt es dann wieder: „einst zu allen Frommen“. Die Zeile „sollen fleißig für ihn beten“ entspricht dem Diktat. Schließlich bedeutet jedoch die vierte Zeile eine Einschränkung gegenüber der von Falk gewiss bewusst gewählten gedanklichen Weite „aus fremden Städten“. Ihm wird man eigentlich nicht gerecht, wenn man sein caritatives und pädagogisches Wirken lediglich bezöge auf „KINDER DIE AUS DEUTSCHEN STAEDTEN“.

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