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Kreuz-am-rand.de – von der Randlage in den Mittelpunkt


Bericht von Wiebke Zollmann

Eine Google-Map zeigt den Großraum München. Schwarze Kreuze sind an den Stellen eingezeichnet, wo am Rand der Landstraßen Unfallkreuze stehen. Mit einem Mausklick auf ein solches Kreuz gelangt der Nutzer auf eine Seite, die dem Verstorbenen gewidmet ist. Man erfährt Namen und Lebensdaten, sieht Bilder, die das Kreuz und den Verunfallten zu Lebzeiten zeigen, kann Hintergründe, Gedichte und Widmungen nachlesen. Ein neuer Aspekt der Online-Trauerkultur hat eine Plattform erhalten.

Allein im Jahr 2007 starben in Deutschland 4.949 Menschen im Straßenverkehr. Um ihrer zu gedenken, stellen Angehörige und Freunde oft Kreuze an jene Stellen, wo die Unfälle geschehen sind. Diese Straßenkreuze führten allerdings häufig ein „Dasein am Rand“, da es die Verkehrssituation nicht erlaube, dort anzuhalten und nachzusinnen, erklärt Tommy Schmidt, Initiator von „Kreuz am Rand“. Hier setze sein Projekt an. Online soll der Nutzer verweilen und sich über den Verunfallten informieren können, ohne sich und andere in Gefahr zu bringen, heißt es in der Selbstdarstellung.

Begonnen hat das Projekt mit etwa 17 Kreuzen aus dem Großraum München, die Schmidt selbst dokumentierte. Heute sind in der Straßenkarte bereits 112 Einträge verzeichnet, die auch einzelne Kreuze in Norddeutschland und Österreich markieren.
Dass das Thema besonders sensibel behandelt werden sollte, ist Schmidt und seinem Team bewusst. Die „Inhalte, die offensichtlich die Gefühle anderer verletzen könnten“, verlangen „deutlich höhere Maßstäbe als sonst üblich“. Dem Miteinander und insbesondere den Gefühlen Betroffener wird besondere Bedeutung beigemessen, und die Redaktion ist durchaus bereit, auf Wunsch Betroffener einzelne Inhalte oder ganze Erwähnungen zu ändern beziehungsweise zu löschen.

Grundlegend argumentiert Schmidt allerdings, dass es keine Einverständniserklärung Angehöriger für die Aufnahme eines Kreuzes in die Sammlung zu geben brauche, weil die realen Straßenkreuze ebenfalls öffentlich zugängig seien, und „flüchtig hat so ein Kreuz immerhin mehrere hunderttausend Sichtkontakte jährlich“, so der Künstler. Zu der Meinung, dass ein virtuelles Kreuz in den meisten Fällen mehr helfe als schade, kam er nicht grundlos, wie Schmidt in einem Fernsehinterview bei münchen.tv erläuterte – die Aussagen von Psychologen, Seelsorgern, und natürlich befragten Betroffenen, sie hießen „Kreuz am Rand“ gut, seien Schmidts Bedingung gewesen, das Projekt anzugehen. Was als Kunstprojekt begann, bietet heute die Möglichkeit, im Internet Straßenkreuze aus einer neuen Perspektive zu sehen. Zu dem Kreuz, vor dem vielleicht eine Kerze brennt, ein Kuscheltier liegt, oder an dem ein kleinem Bild klebt, können virtuelle Inhalte kommen, beispielsweise Videos, die an einem realen Kreuz nicht gezeigt werden können. „Kreuz am Rand“ schafft Raum zum Innehalten und Gedenken.

Das Grundgerüst haben Schmidt und sein Team geschaffen, nun liegt es an den Nutzern, wie sich die Seite weiterentwickelt, denn „Wir selbst werden nur sehr wenige der wohl einigen tausend Unfallkreuze in Deutschland fotografieren und verzeichnen können“, so die Redaktion.

Um sich an „Kreuz am Rand“ zu beteiligen, muss sich der Besucher auf der Seite registrieren. Neu hinzugefügte Inhalte werden aber nicht sofort publiziert, sondern erst geprüft. Diese Funktion übernimmt Birgit Merk, die wie das gesamte übrige Team ihrer Erwerbstätigkeit bei der Werbeagentur Agenturgruppe Plan.Net nachgeht. Die Agentur, das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und die Autorin des Buches „Unfallkreuze“, Dr. Christine Aka, fördern das Projekt.

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